Aktuelle Lese-Empfehlungen der Bibliotheksmitarbeiterinnen

Birgit Birnbacher: Sie wollen uns erzählen. Paul Zsolnay 2026

Oz ist anders, er hat ADHS und tut sich schwer in der Schule, aber diesmal ist ihm etwas wirklich Blödes passiert. Auf dem Heimweg wünscht er sich deshalb zumindest eine kleine Katastrophe, die seine Mutter von dem Brief der Lehrerin, den er ihr geben muss, ablenken würde. Als Oz nach Hause kommt, ist tatsächlich etwas passiert. Die Zilly-Oma, die in den Bergen lebt, ist weg. Intensiv, humorvoll und mit großer Empathie erzählt Birgit Birnbacher von der Liebe einer Mutter, die mit sich und gegen andere kämpft, um ihr Kind gegen die Zuschreibungen von außen zu verteidigen – und sei es letztlich mit dem Erzählen selbst. Am Ende finden Mutter und Sohn zu einem echten Gespräch und erkennen, dass ADHS mehr als eine Diagnose ist.

Ayelet Gundar-Goshen: Wo der Wolf lauert. Kein & Aber 2021

Die jüdische Familie Schuster ist, um dem Gefühl stets präsenter Gefahr zu entgehen, in die USA emigriert und verlebt dort gute und erfolgreiche Jahre. Aber dann legen ein Anschlag in der Synagoge und der Drogentod eines schwarzen Mitschülers des 16jährigen Sohnes Adam Antisemitismus und Rassismus bloß, wie auch Verwerfungen und destruktive Dynamiken innerhalb einer Familie, in der eine überbehütende Mutter daran verzweifelt, den Sohn nicht beschützen zu können. Ein differenzierter, anspruchsvoller und brisanter Roman.

Rebecca F. Kuang: Yellowface. Eichborn 2024

Eine packende und originelle Geschichte, die zunehmend eskaliert und in der man der problematischen Protagonistin hilflos dabei zusieht, wie sie von einem in das nächste Fettnäpfchen tritt. Sehr empfehlenswert für alle, die gerne eine lustige und zugleich schockierende Geschichte über kulturelle Aneignung, Cancel Culture und den Literaturbetrieb lesen wollen!

Ulli Lust: Die Frau als Mensch 2. Reprodukt Berlin 2026

Warum nicht mal eine Graphic Novel lesen? Eine vergnügliche, bildhafte Lesereise.

„Die Frau als Mensch – Am Anfang der Geschichte“ wurde mit dem Deutschen Sachbuchpreis 2025 ausgezeichnet. Mit „Schamaninnen“ folgt die Fortsetzung dieser groß angelegten Erforschung der Rolle der Frau in der menschlichen Kunst- und Kulturgeschichte. Rentiere naschen noch ein paar Fliegenpilze, ehe sie der nahenden Kälte entfliehen, ihnen voraus eine Gruppe Nomad*innen. Auf ihrem Weg ins Winterlager unternehmen sie eine letzte große Jagd… Kinder werden geboren, andere sterben, die Venus von Willendorf wird geschaffen. Ulli Lust führt durch Jahrtausende weiblichen Wirkens und menschlicher Schöpfungskraft. Ein überraschendes Bild der Eiszeitgemeinschaft und ihrer Heilerinnen, Hebammen, spirituellen Helferinnen.

Sayaka Murata: Schwindende Welt. Aufbau 2025 


In einem Japan der Zukunft, in dem Romantik, Sexualität und traditionelle Familien kaum noch existieren, versucht Amane ihren Platz in einer Gesellschaft zu finden, die Fortpflanzung und Kindererziehung radikal neu organisiert hat. Sayaka Murata entwirft eine ebenso verstörende wie scharfsinnige Dystopie über Normen, Intimität und menschliche Beziehungen. Dabei zeigt sie eindringlich, welche sozialen Regeln wir für selbstverständlich halten und wie tief gesellschaftliche Vorstellungen unser Denken und Handeln prägen.

Sara Paretsky (Hg.in): Hände hoch, Kleiner! 14 exklusive Kriminalgeschichten. Piper 1997

Der deutsche Titel mutet inzwischen etwas altmodisch und merkwürdig reißerisch an, was im englischen Titel nüchterner und präziser ausgedrückt wird: „Women on the Case“. Krimi-Autorinnen, die in Kurzgeschichten Frauen als Ermittlerinnen präsentieren, vor 30 Jahren zusammengestellt – eine große Bandbreite (herausragend: die britische Autorin Lisa Cody: „Sonnenflecken“ sowie ihre russische Kollegin Irina Muravyova: „Randfiguren“), die Lust auf mehr auch bei den (heute) unbekannteren Namen macht. Lektüregenuss bietet zudem die tolle, ausführliche Einleitung der Herausgeberin.

Hertha Pauli: Der Riss der Zeit geht durch mein Herz. Erinnerungen. Hanser Neuauflage 2022

Dieses Zitat von Heinrich Heine habe die Flucht aus Österreich (ab März 1938) begleitet, schreibt die Autorin im Geleitwort von 1970, und es trifft die Erfahrungen vieler Exilanten, die Zeit ihres Lebens von Zerrissenheit geprägt wurden. Vom ersten Satz an wird frau beim Lesen in diese Erinnerungen der jungen Schriftstellerin, Literaturagentin und Schauspielerin hineingerissen. Ungemein dicht und lebendig erzählt H. Pauli von aufwühlenden und gefährlichen Jahren in Frankreich (Stationen: Paris, Marseille) und von der weiteren Flucht über Spanien, Portugal) bis zur Ankunft am 12. September 1940 in Hoboken/New Jersey.  Dazu beeindruckt ihr von großer Wärme begleiteter Blick auf Schicksalsgefährt:innen (viele der Namen werden Leser:innen bekannt sein wie Alma Mahler-Werfel, Ödön von Horvath oder auch der US-amerikanische Helfer Varian Fry, dem „Menschenfischer von Marseille“, wie H. Pauli ihn nennt; u.v.a.). Ein Buch, das mehrmals gelesen werden kann. – Ein Filmtipp dazu (über Netflix): Transatlantic (Miniserie).

Lisa See: Die Insel der Meeresfrauen. Gutkind Verlag 2026

Für alle, die gerne in eine andere Welt abtauchen wollen. Die Protagonistin ist eine Haenyeo, eine Taucherin vor der Küste Südkoreas, ein traditioneller Frauenjob. Erzählt wird ihre Lebensgeschichte in mehreren Zeitlinien, und man lernt viel über die Kultur, Geschichte und Politik Koreas. Empfehlung!

Elizabeth Strout: Erzähl mir alles. Luchterhand 2026

Welcome back, ihr Lieben! Bob Burgess, Lucy Barton und Olive Kitteridge – es ist wunderbar, euch wieder zu begegnen. Ein ebenso großer wie stiller, einfühlsamer Roman über den Dialog: Mit PartnerInnen, FreundInnen, Angehörigen, NachbarInnen und nicht zuletzt – sich selbst.

Große Leseempfehlung!

Yael van der Wouden: In ihrem Haus. Gutkind Verlag 2025

Anfang der 1960er Jahre führt Isabel ein zurückgezogenes Leben im abgelegenen Haus ihrer Familie in den Niederlanden. Als die Freundin ihres Bruders vorübergehend bei ihr einzieht, gerät ihre sorgfältig kontrollierte Ordnung aus dem Gleichgewicht. Zwischen Misstrauen, Begehren und einer Vergangenheit, die sich nicht länger verdrängen lässt, entfaltet sich in dem Debütroman eine atmosphärisch dichte Geschichte über Besitz, Schuld und Identität, getragen von einer subtilen Spannung, die Seite für Seite zunimmt.

Aktuelle Rezensionen aus der Zeitschrift aep-informationen Nr. 2/2026

Brodnig, Ingrid. Feindbild Frau. Wie Politikerinnen im Netz bedroht, beleidigt und verdrängt werden – und was wir alle dagegen tun können- Christian Brandstätter Verlag Wien 2026. rezensiert von Elisabeth Grabner-Niel

Schick, Sibel. Mein Körper – wessen Entscheidung? Warum wir reproduktive Gerechtigkeit brauchen. S. Fischer Verlag Frankfurt am Main 2026, rezensiert von Bettina Engl

De Céspedes, Alba. Was vor uns liegt. Aus dem Italienischen von Esther Hansen. Insel Verlag Berlin 2025, rezensiert von Lydia Domoradzki

Raich, Tanja. Die Puppe. Residenzverlag Salzburg 2026rezensiert von Elisabeth Grabner-Niel

Mangler, Mandy, mit Kogelboom, Esther. Don’t Miss the Clitoris. Eine Bedienungsanleitung. Insel Verlag Berlin 2026, rezensiert von Sylvia Aßlaber

Prokopetz, Felicitas. Wir sitzen im Dickicht und weinen. Roman. Eichborn Verlag Berlin 2024, rezensiert von Maria Steibl

Wiegele, Ursula. Nur die Laute der Vögel. Roman. Otto Müller Verlag, Salzburg 2026, rezensiert von Katharina Mössmer

Braschel, Katherina. Heim holen. Roman. Residenz Verlag Salzburg 2026, rezensiert von Sylvia Aßlaber

Jankovska, Bianca. Fuckgirl. Haymon Verlag Innsbruck 2026, rezensiert von Stefanie Haselwanter