Aktuelle Lese-Empfehlungen der Bibliotheksmitarbeiterinnen

Kaska Bryla: Mein Vater, der Gulag, die Krähe und ich. Residenz 2025

Eindringlich verknüpft die Autorin die Themen Krankheit (Long Covid), Einsamkeit, queere Identität, Minderheitenzugehörigkeiten mit dem Leben ihres Vaters, der im polnischen Widerstand gegen die Nazis kämpfte, in einem sibirischen Gulag inhaftiert war und mit dem sie in einen inneren Dialog tritt. Aber auch das Thema Fürsorge spielt eine zentrale Rolle, zärtlich abgehandelt anhand der poetischen Beziehung der Ich-Autorin zur verletzten Krähe Karl, derer sie sich liebevoll annimmt. Große Leseempfehlung.

Martina Clavadetscher: Die Schrecken der anderen. C.H. Beck 2025

Ein zugefrorener See in einer Hochmoorgegend, eine Leiche, die auftaucht. Ein jüngerer Mann, der im Polizeiarchiv arbeitet und eine energische ältere Frau, am Campingplatz am See wohnend, die sich am Fundort begegnen. Dieser Fund lässt beide nicht in Ruhe. Die Erzählperspektive wechselt zwischen ihnen hin und her und begleitet noch weitere Figuren, sodass immer wieder andere Ereignisse, Gedanken und Gefühle, ins Blickfeld der Leser*innen rücken. Etwas soll nicht gesehen werden, das steht fest für „die Alte“. Aber ihre Zielgerichtetheit ermutigt den Archivar, am Aufspüren dranzubleiben. Jahrzehntelang geschickt Vertuschtes drängt ähnlich wie die Leiche vom See nach oben. Ob am Schluss „alles“ gesehen werden kann?

Bernardine Evaristo: Mädchen, Frau. Tropen 2021

Ein vielstimmiger, kraftvoller Roman, der die Lebensrealitäten Schwarzer Frauen in Großbritannien über ein Jahrhundert hinweg poetisch miteinander verknüpft. Trotz ihrer Verschiedenheit in Rollen, Erfahrungen und Lebenswegen stehen die Frauen und ihre Geschichten niemals nur für sich, sondern sind durch gemeinsame Fragen, Kämpfe und den tiefen Wunsch nach Zugehörigkeit miteinander verbunden. Bernardine Evaristo entfaltet dabei ein beeindruckendes, facettenreiches Gesellschaftspanorama von großer Tiefe und Relevanz. Für dieses herausragende Werk wurde sie 2019 als erste Schwarze Schriftstellerin mit dem Booker Prize ausgezeichnet.

bell hooks: Die Bedeutung von Klasse, Unrast 2022 (Original: Where We Stand: Class Matters, 2000).

Präzise und empirisch fundiert zeigt sie auf, dass Klassismus untrennbar mit Rassismus und Sexismus verwoben ist. Scharfsinnig und einfühlsam schreibt sie von Diskriminierung, Scham, Solidarität, Aufstieg und Entfremdung, wobei u.a. ihre eigenen Erfahrungen als Schwarze Frau aus der Arbeiter:innenklasse der US-Südstaaten und als „Klassenwechslerin“ den Ausgangspunkt bilden. Immer noch hoch aktuell.

bell hooks: Feminismus ist für alle. Unrast 2026 (Original Feminism is for everybody 2000)

Locker und leicht verständlich, klar und präzise erklärt bell hooks in „Feminismus für alle“, weshalb es die feministische Bewegung gibt, warum es sie braucht und vor allem, warum sich ihr alle anschließen können und sollten. Denn der Feminismus, für den bell hooks das Wort ergreift, zielt darauf ab, einen ganzheitlichen Wandel herbeizuführen. Um das Leben aller Menschen, unabhängig von Alter oder Geschlecht, von „race“, von Herkunft oder sexueller Orientierung, nachhaltig zum Besseren zu verändern, müssen alle sexistischen Verhältnisse nachhaltig abgeschafft werden.

Stefanie Sargnagel: Operball. Zu Besuch bei der Hautevolee. Rowohlt 2026

Frech, bösartig, grotesk beschreibt sie das so berühmte, aber eigentlich doch langweilige Gesellschaftsevent, den Operball, wo sich die vermeintlich feinen Leute treffen. Lustig und unterhaltsam ist der Bericht wunderbar geschrieben. Große Leseempfehlung.

Yrsa Sigurdardottir: Blut. btb 2025

Differenziert und spannend gestaltete Protagonist:innen ziehen Leser:innen in ihren Bann, allen voran die Schiffsköchin Gunndis, die sich trotz Seekrankheit keinen schöneren Beruf vorstellen kann. Hinter geschickt verwobenen Handlungssträngen tun sich ebenso verblüffende wie überzeugende Zusammenhänge auf. Große nordische Thriller-Kunst, ein Muss für alle Krimifans, die es gerne weniger blutig mögen.

Ruth Thomas: Die schönste Version. Roman. Rowohlt Verlag 2025

Gekonnt geschriebenes Debut über die Widersprüche und Nuancen von sexuellen Grenzüberschreitungen, Gewalt und Gaslighting in Beziehungen. Umrahmt von zwei tollen Frauenfiguren, die die Protagonistin unterstützen. Ein Roman, der zeigt, dass Gewalt so vielfältig und so präsent ist, dass traurigerweise jede Frau mitreden kann.

Anna North: Outlawed. Bloomsbury Publishing. 2021

Ein lesenswerter Science-Fiction Roman, der in einem fiktionalen 19. Jahrhundert im Wilden Westen der USA spielt Nach einer verheerenden Pandemie, die die Bevölkerung dezimiert hat, müssen Frauen nun möglichst viele Kinder bekommen für “Baby Jesus”. Fans von Margret Atwood sowie Science-Fiction Romanen kommen voll auf ihre Kosten, wenn sich die “unfruchtbaren” Frauen, die als Hexen dämonisiert werden, zu einer Gang aus queeren Banditinnen zusammenschließen.

Margit Weiß: Wenn der Apfellastwagen kommt. Erinnerungen an eine Südtirolersiedlung, Raetia 2023

In ihrem Debüt erzählt Margit Weiß vom Aufwachsen in der Südtirolersiedlung in Kufstein in den 1960er und 70er Jahren, vom Alltag und Zusammenleben der in der Optionszeit ausgewanderten Südtiroler:innen, von Entwurzelung und Ausgrenzung, von lieb gewonnenen Menschen und besonderen Begebenheiten, vom Zusammenhalt in der Gemeinschaft und von Bruchlinien. Prägnant und einfühlsam aus der Sicht des Mädchens erzählt, ein schmaler Band für historisch Interessierte diesseits und jenseits des Brenners.

Layla Martínez: Heiligenbilder und Heuschrecken, Bastei/Lübbe 2024

Mit rasantem Tempo erzählt Layla Martínez von einer Großmutter und ihrer Enkelin, die in einem Geisterhaus in einem südspanischen Dorf leben, das ein düsteres Eigenleben führt, atmet und knarzt und unheilvolles Chaos und Spuk verbreitet. Die beiden Frauen sind – wie Generationen von Frauen vor ihnen – der Gewalt und Unterdrückung durch Männer, wohlhabende Familien und den Spätfolgen der Diktatur von Franco ausgesetzt. Sie lehnen sich gegen das erlittene Unrecht auf und beginnen, rastlos und wütend, einen furiosen Rachefeldzug. Ein viel gelobtes Debüt, kraftvoll und mitunter derb erzählt, absolut unterhaltsam und lesenswert!

Aktuelle Rezensionen aus der Zeitschrift aep-informationen Nr. 1/2026

Hajek, Katharina; Kerner, Ina; Kocjan, Iwona; Mühlhäußer, Nicola. Gender Studies zur Einfüh-rung. Junius Verlag Hamburg 2025. Rezensiert: Elisabeth Grabner-Niel

Krondorfer, Birge; Voglmayr, Irmtraud (Hg.). Krieg und Friedensbewegung: Feministische Perspektiven. Mandelbaum Wien 2025. Rezensiert: Monika Jarosch

Günter, Sandra; Schwark, Annika (Hrsg.). Diversität und Sport. Intersektionale Perspektiven der sportwissenschaftlichen Geschlechter- und Diversitätsforschung. Nomos Verlagsgesellschaft Baden-Baden 2025. Rezensiert: Sylvia Aßlaber

IRENE: Feministisch morden. Kleine Abhandlung über anti-patriarchale Gewalt. Unrast Verlag Münster 2025. Rezensiert: Andrea Rothe

Natlacen, Christina. Cheers! Kiss from Hilde. Eine Kulturgeschichte in Briefen. Otto Müller Verlag Salzburg 2025. Rezensiert: Elisabeth Grabner-Niel

Medusa, Mieze. Hätte ich es vorher gewusst, hätte ich es genauso gemacht. Residenz Verlag Salzburg 2025. Rezensiert: Bettina Engl

Elmiger, Dorothee. Die Holländerinnen. Hanser Verlag München 2025. Rezensiert: Lydia Domoradzki

Rivera Garza, Cristina. Lilianas unvergänglicher Sommer. Roman. Klett-Cotta Stuttgart 2025. Rezensiert: Lydia Domoradzki.

Boddenberg, Sophia. Revolution der Frauen. Von Feministinnen aus Lateinamerika lernen. Mandelbaum Verlag Wien 2025. Rezensiert: Evelina Haspinger

Erdösi, Livia; Hoffner Ex-Prvuolic*, Ana; Sternfeld, Nora (Hg.). Denialism. Antisemitismus und sexualisierte Gewalt aus feministischer Perspektive. Verbrecher Verlag Berlin 2025. Rezensiert: Monika Jarosch

Die rezensierten Bücher können in der AEP-Frauenbibliothek ausgeliehen werden