Unter Umständen

Feministische Perspektiven auf Mutterschaft

Eine Veranstaltungsreihe des Vereins Arbeitskreis Emanzipation und Partnerschaft und des Kulturlabor Stromboli Hall

Der Arbeitskreis Emanzipation und Partnerschaft (AEP) in Innsbruck, das Kulturlabor Stromboli in Hall und Kooperationspartner*innen laden sehr herzlich zu einer ganz besonderen und vielfältigen Veranstaltungsreihe rund um den Muttertag ein: es geht um Mutterschaft und Feminismus. Denn Mutterschaft ist politisch. 

Egal ob frau sich für oder gegen Kinder entscheidet, ungewollt schwanger oder ungewollt kinderlos ist, (öffentlich) stillt oder nicht stillt, lohnarbeitet oder zuhause bleibt – sobald es um Mutterschaft und die Mutterrolle geht, sind Frauen ständiger Beobachtung, privater und öffentlicher Einmischung sowie einem enormen gesellschaftlichen Druck ausgesetzt. 

Mutterschaft ist der wichtigste Job der Welt, doch Mütter werden von der Politik ignoriert, von der Gesellschaft abgewertet und ausgebeutet. Man spricht hier sogar von Matrophobie: einem Hass auf Mütter. Mutterschaft gilt als selbstverständlich, als natürliche Pflicht, die aus Liebe gemacht wird und deshalb nicht entlohnt werden muss.  

Die Handlungsspielräume von Müttern bewegen sich irgendwo zwischen dem neokonservativen Trend hin zum Tradwife und dem Idealbild der modernen Karrierefrau, die Beruf und Familie schaukelt. Egal wofür sich eine Frau entscheidet, sie wird es nicht richtig machen.  

In den meisten heterosexuellen Beziehungen kommt es nach der Geburt des 1. Kindes zu einer “Retraditionalisierung” der Geschlechterrollen. Gesellschaftliche Erwartungen, Rollenbilder, Gender Pay Gap und fehlende Kinderbildungsplätze führen dazu, dass Frauen länger zu Hause bleiben und ab jetzt nur mehr – wenn überhaupt Teilzeit lohnarbeiten und dadurch noch 
weniger verdienen: man spricht hier von einer “Motherhood penalty”.  

Die Zahlen sind schockierend: jede 5. Mutter in Österreich ist von Armutsgefährdung betroffen. Über 40% der Alleinerziehenden leben offiziell in Armut. Gleichzeitig arbeiten Frauen aber jetzt insgesamt viel mehr – bis zu 90 Stunden pro Woche – unbezahlt. 

Neben all den wunderbaren Erfahrungen, die Mutterschaft mit sich bringt, gibt es auch eine große, tabuisierte Schattenseite. Die Lebenszufriedenheit von Müttern sinkt nach der Geburt des Kindes. Elternschaft ist laut der Philosophin L.A. Paul eine “transformative Erfahrung”. Viele Frauen erfahren erst, wie tief patriarchale Strukturen in den Alltag eingreifen – und wie wenig Wahlfreiheit tatsächlich bleibt. Der hohe Kontrollverlust über das eigene Leben und die “radikale Pausenlosigkeit” (Franziska Schutzbach) ist vorher kaum vorstellbar.  

70% der Mütter fühlen sich einsam. 
Jede 2. Mutter fühlt sich in ihrem Alltag stark belastet.  
Jede 3. Mutter hat Burn-Out Symptome.  

Meistens liegt es daran, dass Mütter den Großteil des Mental Load übernehmen, der unsichtbaren Sorgearbeit. Doch unsere individuelle Erschöpfung ist ein Zeichen dafür, dass sich Strukturen ändern müssen. Und spätestens hier wird es politisch – und feministisch. Über Mutterschaft wird in feministischen Kontexten viel zu wenig gesprochen, und das obwohl „Mutterschaft […] im globalen Kontext die größte biografische Weichenstellung für Frauen [ist]“ schreibt Gertraud KlemmDas wollen wir mit dieser vielfältigen Veranstaltungsreihe ändern und das Thema Mutterschaft von unterschiedlichen Seiten beleuchten.  

Warum findet das ausgerechnet um den Muttertag herum statt?  

Wir wollen den Muttertag kritisch hinterfragen. Erstens, aus historischen Gründen: der Muttertag hat seinen Ursprung in der Friedensbewegung der USA und ist dort seit 1914 ein Feiertag. Das klingt gut, jedoch wurde er in Europa durch Blumenverkäufer eingeführt und dann von den Nationalsozialisten instrumentalisiert und als Feiertag festgelegt, an dem auch das Mutterkreuz überreicht wurde.  
Und zweitens, weil es eine grobe Schieflage aufzeigt, wenn Müttern, die mit ihrer unbezahlten Arbeit das gesamtgesellschaftliche System am Laufen halten nur an einem Tag im Jahr Wertschätzung entgegengebracht wird.

VERANSTALTUNGEN

Abschied vom Phallozän“. Eine Lesung von Gertraud Klemm  

Die Autorin Gertraud Klemm liest aus ihrem Essay, in dem sie fragt, was wir von matriarchalen Gesellschaften – also solchen, in denen Mütter eine zentrale Rolle einnehmen – lernen können. Sie rechnet außerdem mit dem Modell der Kleinfamilie ab, einem erst in der Aufklärung erfundenem Modell, das Frauen ins Private drängte.  
8. April19 Uhr. AEP-Frauenbibliothek (Schöpfstraße 19).  
Moderation: Joanna Egger/ Social Change Rocks.  
Eintritt frei. Offen für alle. Der AEP ist barrierefrei. 
Erschöpfung sichtbar machen. Ein Abend zum Thema Mental Load 

Die Tiroler Autorin Anna Ladurner liest aus einem ihrer Stücke über erschöpfte Mütter und zeigt, wie weit es kommen kann, wenn die Erschöpfung durch den „Mental Load“, also der unsichtbaren Sorgearbeit, nicht ernst genommen wird. Wie es dazu kommen kann und was wir dagegen tun können, darüber sprechen wir an diesem Abend auch mit Michèle Liussi, Expertin bei den Frühen Hilfen Tirol undAutorin der Ratgeber “Die Klügere gibt ab” und “Täglich grüßt das Schuldgefühl”. 
21. April. 19 Uhr. AEP-Frauenbibliothek (Schöpfstraße 19).  
Moderation: Joanna Egger/ Social Change Rocks.  
Eintritt frei. Offen für alle. Der AEP ist barrierefrei. 
Medulla, Monster, MythenWie Mutterschaft konstruiert, kontrolliert und erlebt wird 

Vier kompetente Frauen sezieren aus unterschiedlichen Blickwinkeln die Aspekte, die Mutterschaft derzeit zerfleddern: Ana Wetherall-Grujić zeigt in „Das Baby ist nicht das verdammte Problem“, wie die Gesellschaft Gebärende im Stich lässt, Verena Güntners „Medulla“ handelt von radikaler Selbstbestimmung, Jessica Lind gibt in „Kleine Monster“ einen subtilen Einblick in die Widersprüchlichkeit von Mutterliebe. Moderiert wird der Abend von Sarah Diehl, die sich seit Jahren für weibliche Selbstbestimmung engagiert. 
7. Mai. 20 Uhr. Kulturlabor Stromboli. Krippgasse 11, Hall 
Eintritt: pay as you wish 
KEIN.MUTTER.LAND. Wenn Frauen nicht muttern und Mütter nicht schaffen 
Stückentwicklung von Julia Jenewein 

Eine überforderte Mutter und eine Frau ohne Kinderwunsch ringen sich durch sämtliche (Tabu)Themen rund um Reproduktion und Gebärfähigkeit. Berührend, humorvoll und kritisch nehmen sie die Mutterschaft unter die Lupe und schildern, was mit der Kinderfrage so alles losgetreten wird.  
8. Mai. 20 Uhr. Kulturlabor Stromboli. Krippgasse 11, Hall 
Eintritt: € 20,00/17,00 (erm.) 
WILL ICH KINDER? Ein Seminar mit Sarah Diehl 

Die Entscheidung, ob du Kinder willst oder nicht, wirft viele Fragen auf. Das Seminar bietet Frauen* den Raum, ohne Druck und jenseits von den an sie gerichteten Erwartungen und Konventionen über das Thema Kinder und Elternschaft nachzudenken. Eine Kooperation mit dem Renner Institut 
9. Mai. 14 bis 18 Uhr. Kulturlabor Stromboli. Krippgasse 11, Hall 
Die Teilnahme ist kostenlos!  
Anmeldung: reservierung@stromboli.at (Limitierte Teilnehmerinnenzahl) 
(Anti)Muttertagslesung: Anna Job, Verena Maria Wagner, Sara Leitner und Silke Gruber 

Nachdem wir den Gedichten unserer Kinder gelauscht und ihr mit Liebe zubereitetes Frühstück genossen haben, öffnen wir am Nachmittag den Raum für feministische Gedichte über Mutterschaft und Mental Load. Die (Anti)Muttertagslesung soll ein Ort für Mütter zum Durchatmen, Zuhören und Vernetzen werden. Eine Kooperation des AEP mit der #IGFem. 
10. Mai (Muttertag!). 14 Uhr. AEP-Frauenbibliothek (Schöpfstraße 19). Bei schönem Wetter findet die Lesung in einem nahegelegenen Park statt. 
Eintritt frei. Offen für alle. Der AEP ist barrierefrei. 
Sind Lesben die besseren Väter? Eine Diskussion mit Lisa Bendiek 

Und was ist mit den Vätern? Männer gehen in Österreich kaum in Karenz – und wenn, dann meist für ein oder zwei Monate im Sommer. Nur ein Prozent der Väter teilt sich die Elternzeit wirklich „halbe-halbe“. Ist es bei queeren Familien besser? Rund um den IDAHOBIT (International Day Against Homophobia, Biphobia, Interphobia and Transphobia) fragen wir: Wie sieht Elternschaft in queeren Familien aus? Darüber sprechen wir mit Lisa Bendiek, Autorin des Buches “Lesben sind die besseren Väter”. 
18. Mai im Autonomen Flinta*Zentrum Innsbruck, Liebeneggstr. 15.  
Moderation: Joanna Egger/ Social Change Rocks.  
Eintritt frei. Offen für alle. Barrierefreier Eingang, keine Schwellen in Räumen, WC nicht barrierefrei. 
DIE MY LOVE. Stromboli-Kinodinner 

DIE MY LOVE ist das Porträt einer jungen Frau, die in der Abgeschiedenheit des ländlichen Amerikas nach ihrer Identität als Frau und Mutter eines neugeborenen Babys sucht. Sie kann ihrer postpartalen Depression nicht mehr entkommen und verliert zunehmend die Kontrolle. Gleichzeitig entdeckt sie sich in ihrer ungezähmten und entfesselten Lebendigkeit neu. 
USA 2025; Regie: Lynne Ramsay; Darsteller:innen: Jennifer Lawrence, Robert Pattinson, Nick Nolte u.a.; 118min; OmU.  
20. Mai. 20 Uhr. Kulturlabor Stromboli. Krippgasse 11, Hall 
Eintritt: € 11,00/9,00 (für alle unter 25) 
Detaillierte Infos und Vorverkauf auf www.stromboli.at 
Sexarbeit und Mutterschaft 

Auch die Beratungsstelle iBUS, Teil des AEP, bringt eine wichtige Perspektive ein: In einem Vortrag mit Tamara Solidor, Mutter und Sexarbeiterin, geht es um Vereinbarkeit, Stigmatisierung und Selbstbestimmung. 
1. Juni. 19 Uhr. Kulturbackstube „Die Bäckerei“, Dreiheiligenstraße Innsbruck.  
Eintritt frei. Offen für alle.  

Gefördert wird dieses Projekt dankenswerterweise mit Mitteln des: